Kapitel 6: Zwischen Hoffnung und Grenzen
Triggerwarnung: Alkoholrückfall, Kindeswohl, Behördenkontakt.
Nach dem Einzug: kurze Ruhe, bekanntes Muster
Nach dem Einzug in die neue Wohnung war es zuerst still. Dann wieder diese kurzen Episoden: zwei, drei Tage Trinken, dann Wochenlang nichts. Ich kannte das mittlerweile—Suchen, Verstecke finden, entsorgen, die Kleine schützen, weitermachen.
In mir wuchs die Vermutung: Solange es ein Ziel gibt—Umzug, Renovierung, irgendetwas, worauf man hinarbeitet—bleibt der Elefant im Schrank. Ist das Ziel erreicht, bricht er die Tür wieder auf.
April 2024: Der Anruf, der alles kippt
Ein früher Nachmittag, ich auf Tagesdienstreise, etwa 90 Minuten von Zuhause. Der Kindergarten ruft an. Erst nichts Ungewöhnliches—bis ich höre, was passiert ist: Sie wollte unsere Tochter volltrunken abholen. Der Kindergarten gab sie nicht heraus. Eine befreundete Mutter fuhr sie heim.
Mein Sicherheitsnetz griff: Meine Mutter holte die Kleine. Ich fuhr los—90 lange Minuten, voll Wut, Angst, Scham. Zuhause schrie ich, packte eine Tasche, fuhr mit meiner Tochter zu meiner Mutter. Ich wusste nicht, was als Nächstes kommt—nur, dass ich Grenzen ziehen musste.
Zwei Nächte später: Schlafen im Auto
Am nächsten Tag setzte ich sie vor die Tür und nahm den Schlüssel. Zwei Tage später erfuhr ich, dass sie im Auto schlief und weitertrank. Aus Sorge drängte ich: Geh ins Hotel. Ich musste in eine längere Dienstreise. Ich brachte die Kleine zu meiner Mutter—und erlaubte, dass sie während meiner Abwesenheit zurück in die Wohnung konnte. Hauptsache: Unsere Tochter ist sicher.
Jugendamt: Angst, Gespräch, Einschätzung
Während ich unterwegs war, rief das Jugendamt an. Der Kindergarten hatte eine Kindeswohlgefährdung gemeldet—nachvollziehbar. Ich hatte eine Heidenangst vor Inobhutnahme. Also erklärte ich alles: wo ich bin, wo die Kleine ist, wie wir sie schützen. Es folgte ein Termin nach meiner Rückkehr.
Der Termin verlief respektvoll. Keine Horrorgeschichte, kein Gegeneinander. Eher: „Wir sehen, dass Sie handeln und Ihr Kind schützen.“ Das tat gut—anders als die vielen Horrorszenarien im Kopf.
Sechs Wochen fast ohne Kontakt
Ich blieb mit der Kleinen bei meiner Mutter, sie flog zu ihren Eltern. In etwa sechs Wochen sah sie die Kleine nur zweimal—unter Aufsicht. Ich dachte: Jetzt ziehe ich es durch. Ich suchte Wohnungen, spielte Trennungspläne im Kopf durch. Aber Wohnraum hier? Kaum zu bekommen. Bei der Mutter wohnen, über 40, mit Kind? Keine Dauerlösung. Und so kehrte ich zurück.
Ich weiß, wie das klingt. Für Außenstehende ist es vielleicht eindeutig. Für Co-Abhängige ist es eine Mischung aus Hoffnung, Erschöpfung und „Vielleicht wird es diesmal wirklich gut“.
Sommer 2024 bis Frühjahr 2025: Wenn Ruhe wie Heilung wirkt
Danach passierte—nichts. Keine Episoden, kein Trinken. Als wäre der Elefant eingeschlafen. Wir planten wieder. Wir funktionierten wieder. Wir lebten wieder.
2025: Hochzeitspläne und Schweigefrieden
Wir setzten das Hochzeitsdatum auf August 2025. Planungen, Listen, Gespräche mit Dienstleistern—und all das ohne Drama. Ich merkte, wie die Hoffnung zurückkam. Es fühlte sich an wie eine Pause, nicht wie ein Ende. Ein Schweigefrieden.
Manchmal frage ich mich: Ist das mutig—oder feige? Die ehrliche Antwort: beides. Ich lebe in einer co-abhängigen Beziehung, suche meinen Weg heraus, und solange ich ihn nicht gefunden habe, tue ich, was ich immer getan habe: unser Kind schützen, Grenzen nachziehen, wieder an das Gute glauben. Vielleicht ist das naiv. Vielleicht ist es Liebe. Wahrscheinlich ist es beides.
Was ich diesmal anders gemacht habe
- Offene Karten: Kindergarten, Jugendamt, Familie – ich habe gesprochen statt vertuscht.
- Konsequenzen: Schlüssel abgenommen, Übernachtung bei meiner Mutter, klare Schutzmaßnahmen.
- Sicherheitsnetz: Meine Mutter, Freunde, Arbeitgeber – Menschen, die bescheid wissen.
- Dokumentation: Vorkommnisse, Verstecke, Zustände – nicht aus Rache, sondern für den Fall, dass ich es belegen muss.
- Grenzen im Blick: kindeswohl vor harmonie. Immer.
Wenn du dich wiederfindest
Ich weiß, wie sich dieses dauerhafte „Vielleicht“ anfühlt. Wenn du das liest und nickst: Du bist nicht allein. Hol dir Rückhalt—bei Beratungsstellen, in Foren, bei Menschen, die dich nicht kleinreden.
Interne Verlinkungen (unter dem Kapitel platzieren)
- ➜ Co-Abhängigkeit – Was steckt dahinter?
- ➜ Kinder & Co-Abhängigkeit: Was schützt, was belastet?
- ➜ Leben mit einer suchtkranken Partnerin: Praxisnaher Guide
- ➜ Alkoholsucht verstehen: Signale, Rückfälle, Hilfewege