Familie mit Mundschutz und Weinflasche im Hintergrund – Co Abhängigkeit und Belastung in der Corona Pandemie
Meine Geschichte

Kapitel 4 – Rückfall und Corona

Co Abhängigkeit im neuen Alltag nach der Geburt

Der Umzug im November 2019, ein paar Wochen nach der Geburt unserer Tochter, fühlte sich für mich wie ein Neuanfang an. Neue Wohnung, neue Umgebung, näher bei meiner Mutter, dazu dieses kleine Wesen, das unser Leben auf den Kopf gestellt hat.
Ich habe mit ihrem Vater die Wohnung hergerichtet, Möbel aufgebaut, Kisten geschleppt. Es war anstrengend, klar – aber vor allem war es ein gutes Gefühl. So, als hätten wir das Schwere hinter uns gelassen.

Sie war eine liebevolle, aufopfernde Mutter. Vollkommen in der Mutterrolle, müde, erschöpft, aber präsent für unsere Tochter. Für mich war das Thema Alkohol in dieser Zeit mental nicht mehr existent. Ich war überzeugt: Diese Geschichte ist abgeschlossen. Wir sind durch.

Ich habe getan, was ich konnte – dachte ich. Arbeiten, kümmern, halten, funktionieren. Unser Alltag war der typische Alltag mit Baby. Chaotisch, laut, müde – aber schön. Und genau in diesem Gefühl von „alles ist gut“ legte sich die erste neue Schicht über meine Co Abhängigkeit: Ich wollte glauben, dass es vorbei ist. Also war es vorbei.

Nachdenklicher Mann mit Maske neben Weinflasche als Symbol für Co-Abhängigkeit und Alkoholrückfall in der Corona-Zeit

Co Abhängigkeit in der Corona Blase

Dann kam Corona.

Am Anfang war es nur eine Nachricht, ein Thema in den Medien. Dann der Lockdown. Kontakte wurden weniger, Routinen fielen weg. Unsere Tochter war noch nicht in der Krippe, wir hatten kaum Elternkontakte, keine echten Freundeskreise vor Ort. Unser Leben spielte sich fast ausschließlich in dieser neuen Blase ab: Wohnung, Kind, wir.

Je mehr sich unser Radius verkleinerte, desto weniger fiel mir zunächst auf. Nach außen war sowieso nichts mehr sichtbar. Innen lief alles scheinbar weiter. Doch irgendwo zwischen den Tagen schlich sich ein Gefühl zurück, das ich schon einmal kannte: Etwas stimmt nicht.

Es waren Kleinigkeiten. Nuancen in ihrem Verhalten, Stimmungen, Blicke, wie sie den Tag strukturierte – oder eben nicht. Ich konnte nicht genau sagen, was mich störte. Nur dass etwas in mir wieder auf Alarm stand. Heute kann ich nicht sicher sagen, ob es die Isolation war, die Überforderung mit der neuen Rolle als Mutter oder etwas ganz anderes. Ich bin kein Psychologe. Ich kann nur beschreiben, was ich gesehen habe – und was ich damals nicht sehen wollte.

Ernste Mutter hält ihr Kind im Arm, im Hintergrund eine Flasche als Symbol für Alkoholabhängigkeit in der Familie.

Der stille Rückfall und meine Rolle als Co Abhängiger

Im Frühsommer 2020 war der Rückfall nicht mehr zu übersehen.

Sie konnte es nicht mehr vollständig verstecken. Es gab Tage, an denen sie so viel getrunken hatte, dass sie kaum noch aufstehen konnte. Das Thema Alkohol, das ich für tot erklärt hatte, stand plötzlich wieder mitten im Wohnzimmer. Und diesmal waren wir nicht mehr nur zu zweit. Unsere Tochter war da. Noch klein, ohne zu verstehen, aber anwesend. Und das allein hat alles verändert.

Ich habe reagiert, wie ein Co Abhängiger im Lehrbuch reagiert.
Ich habe versucht zu entschuldigen. Zu erklären. Zu relativieren.
„Schlechter Tag.“
„Corona macht allen zu schaffen.“
„Die Belastung als Mutter ist halt groß.“

Parallel dazu begann die andere Seite meiner Co Abhängigkeit: die Kontrolle.

Ich habe wieder nach Verstecken gesucht. Flaschen im Schrank, in Taschen, im Auto. Ich habe Alkohol entsorgt, bevor sie ihn finden konnte. Ich habe gelogen, beschönigt, vertuscht – gegenüber Familie, Freunden, manchmal sogar mir selbst. Alle wussten, dass es „diesen Elefanten“ gab. Aber kaum jemand wusste, wie laut er inzwischen brüllte.

Wenn Liebe, Angst und Co Abhängigkeit eskalieren

Mit der Zeit wurde das Trinken häufiger. Es gab keinen einen großen Auslöser. Keine eine Situation, die alles gekippt hätte. Es war die Summe. Die Regelmäßigkeit. Die Eskalation im Kleinen.

Ich habe versucht, es in den Griff zu bekommen.
Mit Bitten. Mit Drohungen. Mit Appellen.
Ich habe ihr gesagt, dass wir ein Kind haben. Dass das Jugendamt kommen könnte. Dass sie das Sorgerecht verlieren könnte. Ich habe gehofft, dass diese Sätze etwas in ihr auslösen.

Gleichzeitig habe ich Dinge getan, die mir heute schwerfallen zu akzeptieren.
Ich habe sie gefilmt, wenn sie betrunken war, um ihr später den Spiegel vorzuhalten.
Ich habe versucht, alles nach außen weiter unter Kontrolle zu halten. Niemand sollte sehen, wie schlimm es war.
Ich war hin- und hergerissen zwischen Schutz, Scham, Wut, Angst und Hoffnung.

Der Wendepunkt vor der zweiten Therapie kam, als sie betrunken im Wohnzimmer stürzte, sich das Kinn aufschlug und das Zimmer voller Blut war. In diesem Moment war meine Grenze erreicht – oder ich dachte es zumindest.

Ich habe sie in die Notaufnahme gebracht. Sie dort gelassen. Nicht aus Härte, sondern aus purer Überforderung. Ich konnte nicht mehr. Nach einem psychologischen Gespräch wurde sie in eine Entzugsklinik überwiesen. Der nächste Entzug, die nächste Therapie.

Zwischen Konsequenz und Hoffnung – meine innere Zerrissenheit

Eigentlich wusste ich zu diesem Zeitpunkt, dass ich so nicht weitermachen kann.
Ich wollte unsere Tochter schützen. Ich wollte mich schützen.
Ich wusste, dass mein Weg jetzt auch zu einem Anwalt und zum Jugendamt führen würde, weil ich alleine keine Lösung mehr sah.

Und trotzdem: Die Hoffnung blieb.

Die Hoffnung, dass diese Therapie jetzt die letzte sein könnte.
Die Hoffnung, dass wir als Familie eine Chance haben.
Die Hoffnung, dass Liebe, Verantwortung und klar ausgesprochene Konsequenzen am Ende doch reichen.

Das ist Co Abhängigkeit in ihrer ganzen Härte:
Der klare Blick auf die Realität und gleichzeitig das unerschütterliche Festhalten an einem „Vielleicht“.
Zwischen November 2019 und Sommer 2022 habe ich genau in diesem Spannungsfeld gelebt. Und die eigentliche Frage, ob Corona „schuld“ daran war, tritt daneben fast zurück.

Corona war ein Verstärker. Ein Katalysator.
Die Abhängigkeit war da. Die Co Abhängigkeit auch.
Beide haben ihren Weg gefunden – auch durch Lockdowns und geschlossene Türen hindurch.

Wie es nach der zweiten Therapie weiterging, ist Teil des nächsten Kapitels.

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