Schwarzweiß-Foto eines Sofas mit Decke – stille Alltagsszene nach der ersten Therapie in einer co-abhängigen Beziehung
Meine Geschichte

Kapitel 3 – Die Zeit der leisen Hoffnung

Der Alltag nach der Therapie war fast derselbe wie vorher. Wir gingen arbeiten, wir kochten, wir lachten, wir planten. Nur ohne den Alkohol. Und das allein war schon eine Veränderung, die ich mit beiden Händen gehalten habe.

Neubeginn nach der Therapie

Ein ruhiger Alltagstisch im Morgenlicht, als Symbol für das vorsichtige Zurückfinden in Normalität nach der Therapie.

In den ersten Tagen war ich angespannt. Ich beobachtete unauffällig, hörte hin, roch, sah, fühlte.
Nicht, weil ich kontrollieren wollte. Sondern weil ich es einfach nicht lassen konnte.

Während sie in der Therapie war, hatte ich alles aus dem Haus entfernt, was daran erinnerte.
Schränke geleert.
Flaschen weggebracht.
Regale gewischt.
Als würde ich damit auch etwas in mir neu aufstellen.

Und dann gab es diese ersten Wochen, in denen sich etwas beruhigte. In denen wir beide atmen konnten.
In denen wir einfach wieder ein Paar waren.

Wir fuhren zum Skifahren über ihren Geburtstag.
Wir redeten viel.
Aber nicht über das, was passiert war.
Wir umarmten uns.
Wir hielten uns.
Wir versuchten das Leben ohne das „Davor“.

Es fühlte sich an wie Normalität.
Zumindest eine Form davon.

Ich wollte das so sehr glauben, dass ich irgendwann wirklich glaubte, es sei jetzt vorbei.
Ich nahm jeden Tag, so wie er kam.
Und ich sagte mir:

„Es wird gut.
Es ist gut.“

Das erste Weihnachten ohne Alkohol

Weihnachten kam.
Wir feierten mit meiner Mutter und ihrem Mann.
Ich hatte alkoholfreien Wein besorgt, damit sie sich nicht ausgeschlossen fühlt.
Man denkt bei solchen Kleinigkeiten nicht darüber nach, wie sehr man eigentlich versucht, den Raum weich zu halten.

Die Stimmung war warm.
Es roch nach Essen, Kerzen, Zuhause.

Ein ruhiges Wohnzimmer mit Sofa und weicher Decke im warmen Licht, als Symbol für den vorsichtigen Neubeginn nach einer Alkoholtherapie in einer co-abhängigen Beziehung.

Und als meine Frau kurz in der Küche war, fragte meine Mutter leise, warum sie nicht mit anstoße.

Der Moment war so schlicht.
So unaufgeregt.
Aber es war das erste Mal, dass ich es laut sagte:

„Sie war in Therapie.“

Meine Mutter nickte.
Nicht überrascht.
Eher still.
Sie hatte es längst gespürt.
Aber es war etwas anderes, es auszusprechen.

Und es tat gut.
Nicht befreiend.
Aber ehrlich.

Die Monate danach vergingen.
Wir lebten unser Leben.
Ein Tag nach dem anderen.

Und dann, im Mai 2019:
Sie war schwanger.
Wir erfuhren es spät, im fünften Monat.
Und in mir war dieser Satz:

„Jetzt wird alles gut.
Jetzt muss alles gut werden.“

Ich sah sie, wie sie lachte, wie sie ihren Bauch hielt, wie sich ihr Blick veränderte.
Wir zogen um.
Näher zu meiner Mutter.
Wir richteten ein Kinderzimmer ein.
Wir warteten.
Wir hofften.

Und als unsere kleine Tochter im Oktober zur Welt kam, war es ein schöner Tag.
Ein warmer.
Einer, der sich anfühlte wie Zukunft.

Ich sah sie als Mutter.
Stolz.
Verbunden.
Ganz da.
Und ich dachte:
„Das ist es.
Das ist der Wendepunkt.
Jetzt sind wir angekommen.“

Und für eine Zeit war das auch so.

Aber das ist eine andere Geschichte.
Eine, die erst beginnt, wenn man glaubt, angekommen zu sein.

Weiterlesen:
Kapitel 4
→ Zur Übersicht: Meine Geschichte

Was Co-Abhängigkeit bedeutet und wie sie entsteht, erkläre ich hier:
Co-Abhängigkeit – Was steckt dahinter?

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