Kapitel 2 – Als ich begann zu sehen
Am Anfang wirkte alles ganz normal.
Bier beim Fußball. Sekt, wenn jemand zu Besuch war. Dieses ganz gewöhnliche „Wir stoßen an, weil wir zusammen sind“. Ich habe darin nichts gesucht, also konnte ich auch nichts finden. Ich hatte keinen Rahmen, in dem ich das hätte einordnen können. Es war einfach Teil unseres Alltags, der sich warm und nah anfühlte.
Doch mit der Zeit wurde etwas anders. Nicht laut. Nicht plötzlich. Mehr wie ein Ton, den man erst hört, wenn man ganz still wird.
Sie war öfter müde, zog sich zurück, schlief nach der Arbeit lange. Etwas schob sich zwischen uns, aber ich wusste nicht, wie ich es benennen sollte. Ich hatte keine Sprache dafür. Und deshalb auch keine Frage.
Ich dachte, Nähe bedeutet, Dinge auszuhalten.
Ich dachte, Liebe bedeutet, Geduld zu haben.
Also wartete ich. Und ich redete es mir schön.
Bis ich zum ersten Mal versteckten Alkohol fand.

Es war kein großer Moment – und doch war es genau das.
Ein Bruch. Ein Bild, das nicht mehr passte.
Ein leises: „Das hier ist etwas Größeres.“
Ich erinnere mich an den Tag, als ihre Eltern zu Besuch kommen sollten.
Ich bereitete das Essen vor, deckte den Tisch, richtete das Zuhause her.
Und sie trank. Schon mittags.
Ihre Eltern sahen es. Ich sah es.
Und zum ersten Mal stand das, was wir beide nicht aussprechen wollten, mitten im Raum.
Der Elefant war da.
Und er ging nicht mehr weg.
Ich war überfordert.
Ich hatte nie zuvor mit Sucht zu tun gehabt.
Ich wusste nicht, wie man darüber spricht, ohne zu verletzen.
Ich wusste nicht, wie man hilft, ohne zu kontrollieren.
Ich wusste nicht einmal, wie ich fühlen sollte.
Also ignorierte ich.
Ich erklärte.
Ich verharmloste.
Ich schützte sie – und gleichzeitig mich selbst vor der Wahrheit.
Dabei merkte ich nicht, dass ich mich verlor.
Ich sagte mir:
„Das ist nur eine Phase.“
„Es liegt bestimmt an den Dingen mit ihrem Ex.“
„Sowas passiert bei uns nicht.“
Aber es passierte.
Mit uns.
Mit mir.
Mit meiner Tochter aus meinem ersten Leben, die all das viel genauer spürte, als ich es damals wahrhaben wollte.
2018 wurde es deutlicher, dichter, näher.
Ich fand eine fast geleerte Flasche hochprozentigen Alkohols in ihrem Auto.
Und ich wusste: Ich kann das nicht mehr allein tragen.

Ich sprach mit ihrer besten Freundin. Sie sprach mit ihrem Chef.
Und er stellte ein Ultimatum.
Die Therapie begann.
Ich war erleichtert.
Und gleichzeitig misstrauisch.
Ich wusste nicht, ob Hoffnung diesmal tragen würde oder ob sie wieder zerbricht.
Und irgendwo in mir blieb eine Frage, die mich bis heute begleitet:
Kann es eine Zukunft geben, wenn ich nicht weiß, wie ich aus dem ständigen Verdacht und dem ständigen Warten herauskomme?
Ich wollte glauben.
Ich wollte bleiben.
Ich wollte retten.
Und ich verstand noch nicht,
dass ich mich selbst dabei kaum noch fühlte.


